Blutgeschmack, Erbrechen und Laktathusten?
Die wirklich wichtigen Fragen des Ausdauersports

Kennst du das? Du läufst 5 Kilometer am absoluten Anschlag, absolvierst ein Zeitfahren komplett am Limit oder bist gerade in der letzten Wiederholung eines harten VO2max-Intervalls: Plötzlich bemerkst du einen metallischen Blutgeschmack, dein Magen rebelliert oder du kannst nicht mehr aufhören zu husten.
Es sind Momente, in denen der Körper Reaktionen zeigt, die für Außenstehende manchmal besorgniserregend klingen, für dich als erfahrenen Ausdauersportler aber oft zum „Alltag im Grenzbereich“ gehören. Doch was passiert da eigentlich physiologisch? Ist das gefährlich oder nur der Beweis für echten Biss? Wir schauen uns die drei extremsten Reaktionen deines Körpers an, wenn du dich im absoluten Grenzbereich bewegst.
1. Blutgeschmack: Wenn die Lunge „leckt“
Zielsprint, deine Herzfrequenz kratzt am Maximum und du gibst alles bis zur Linie. Du liegst völlig K.O. im Ziel, ringst um Luft und plötzlich bemerkst du diesen unverkennbaren, metallischen Geschmack im Mund – ohne, dass du dir auf die Zunge gebissen hättest.
Die Ursache dafür hat tatsächlich mit dem extremen Gasaustausch zu tun: Der Blutgeschmack entsteht direkt in der Lunge. Bei hochintensiven Belastungen muss dein Herz eine gewaltige Menge Blut durch den Lungenkreislauf pumpen. Dabei steigt der Druck in den Lungenkapillaren (den winzigen Blutgefäßen, die die Lungenbläschen umschließen) massiv an.
Die Physiologie dahinter nennt sich „Stress Failure of Pulmonary Capillaries“ (West & Mathieu-Costello, 1992). Die Membran zwischen Blutgefäß und Lungenbläschen ist extrem dünn, um die schnelle Diffusion von Sauerstoff zu ermöglichen. Unter dem enormen Belastungsdruck können dort winzige Mikrorisse entstehen, durch die minimale Mengen roter Blutkörperchen in die Alveolen austreten. Das darin enthaltene Hämoglobin ist eisenhaltig – und genau dieses Eisen schmeckst du, wenn es mit der Ausatemluft nach oben transportiert wird und auf deine Geschmacksrezeptoren trifft.
Einordnung: In der Regel ist dies harmlos und heilt innerhalb kürzester Zeit von selbst ab. Es ist schlicht ein physiologisches Zeichen dafür, dass dein Herz-Kreislauf-System am absoluten physikalischen Anschlag gearbeitet hat.
2. Erbrechen: Der „Überlebensmodus“ deines Magens
Es klingt paradox: Du willst maximale Leistung bringen, aber dein Körper will plötzlich „Ballast“ abwerfen und entledigt sich der mühsam zugeführten Kohlenhydrate. Dass Athleten sich nach Sprints oder All-out-Tests übergeben müssen, hat primär zwei Ursachen:
Splanchnische Ischämie: Je höher die Intensität, desto radikaler schaltet dein Körper auf Priorisierung. Blut wird dorthin geschickt, wo es am dringendsten gebraucht wird – in die arbeitende Muskulatur, das Herz und das Gehirn. Die Durchblutung des Magen-Darm-Trakts wird dabei um bis zu 80 % reduziert (Brouns & Beckers, 1993). Die Verdauung stoppt faktisch komplett. Befindet sich noch unverdauter Mageninhalt im System, wird dieser als Belastung registriert und auf dem schnellsten Weg entsorgt.
Metabolische Azidose: Bei Belastungen weit oberhalb der anaeroben Schwelle akkumulieren Wasserstoffionen (H+). Der pH-Wert im Blut sinkt – du „übersäuerst“. Das Gehirn interpretiert diesen schnellen Abfall als potenzielle Vergiftung oder schwere Stoffwechselkrise und stimuliert das Brechzentrum im Hirnstamm.
Interessanter Nebeneffekt: Magensäure ist stark sauer. Wenn der Körper sich erbricht und Säure abstößt, ist das auch ein (verzweifelter) Versuch des Systems, den extrem sauren Zustand im Gesamtkörper auszugleichen.
Coach-Tipp: Achte akribisch auf das Timing deiner letzten Mahlzeit vor harten Einheiten (lies dazu auch unseren Blog („Fueling Performance: Carbs are King“). Je intensiver das Training geplant ist, desto „leerer“ sollte der Magen sein, um diese Reaktion zu vermeiden.
3. Laktathusten: Wenn die Atemwege austrocknen
Der sogenannte „Track Cough“ tritt meist erst Minuten nach der Belastung auf. Er ist trocken, hartnäckig und reizend. Obwohl er im Jargon oft „Laktathusten“ genannt wird, spielt das Laktat hier nur eine Nebenrolle.
Die Hauptursache ist die belastungsinduzierte Bronchokonstriktion (EIB) durch Dehydrierung der Atemwege (Anderson & Daviskas, 2000). Bei maximaler Belastung atmest du enorme Volumina an Luft – bis zu 200 Liter pro Minute – fast ausschließlich durch den Mund ein. Diese Luft ist in der Regel deutlich kühler und trockener als das feucht-warme Klima tief in deiner Lunge.
Dieser massive Luftstrom entzieht den Schleimhäuten der Bronchien extrem schnell Feuchtigkeit. Die Zellen schrumpfen leicht, was Entzündungsmediatoren freisetzt und dazu führt, dass sich die glatte Muskulatur der Atemwege zusammenzieht. Das Ergebnis ist ein starker Reizhusten, mit dem der Körper versucht, die Atemwege vor weiterer Austrocknung zu schützen und die Lunge zu „reinigen“.
Fazit für dein Training
Diese Reaktionen sind faszinierende Beweise für die Anpassungs- und Schutzmechanismen deines Körpers. Sie zeigen, dass du in der Lage bist, physiologische Grenzbereiche zu betreten und deinen „Biss“ unter Beweis zu stellen. Dennoch sollten solche Erlebnisse die Ausnahme bleiben – sie sind ein Zeichen für den „Wettkampftag“ oder spezifische Key-Sessions.
Bei YOUB helfen wir dir, diese Intensitäten gezielt zu steuern. Durch die Analyse deiner objektiven Daten und deines subjektiven Feedbacks erkennen wir, wann dein Körper bereit für diese „Deep Dives“ ist und wann eine kontrollierte Erholung mehr Fortschritt bringt als ein Training bis zum Erbrechen.
Trainiere hart, aber trainiere smart.
Quellenverzeichnis
Anderson, S. D., & Daviskas, E. (2000). The mechanism of exercise-induced asthma is conditioning of the airways. Journal of Allergy and Clinical Immunology.
Brouns, F., & Beckers, E. (1993). Is the gut the limiting step in endurance performance? Sports Medicine.
West, J. B., & Mathieu-Costello, O. (1992). Stress failure of pulmonary capillaries: role in lung and heart disease. Lancet.
de Oliveira, E. P., et al. (2014). Gastrointestinal complaints during exercise: prevalence, etiology, and nutritional recommendations. Sports Medicine.